Geschichten von der Küste zum Vorlesen für Groß und Klein

Maritime Geschichten zum Vorlesen von der Küste

In unserem letzten Blog haben wir Euch etwas Leckeres versprochen - und etwas Leckeres gibt es auch, denn heute ist nicht nur Sonntag, sondern auch der 1. Advent! Und weil das Familienzeit für Groß und Klein bedeutet, ist dieser Blogpost wieder zum Vorlesen für unseren kleinen Küstenkinder!

Was das nun mit Leckereien zu tun hat? Nun ja, lest doch mal rein in unsere Adventsgeschichte und findet es heraus...

VOM DÜNENZWERG, DER NICHT BACKEN KONNTE

GUT VERSTECKT HINTER DEN SANDBERGEN, die sich am Strand tummeln, leben die Dünenzwerge. Auch bei den winzigen Strandbewohnern ist nun die Weihnachtszeit angebrochen, und durch ihre Küchen weht bereits der Duft von Algenkeksen, Salzzuckerstangen und Meerschaummarzipan. Am Kamin, der emsig flackert und den Geruch von Zuhause im Zimmer verbreitet, erzählt man sich zur Weihnachtszeit besonders gern die Geschichte vom Dünenzwerg, der nicht backen konnte.

Dieser Dünenzwerg war ein ganz besonders freches und aufgewecktes junges Kerlchen namens Kasimir Aurora Leopoldus Azura der Zweite. Er stammte aus der Familie der Tintenbläulinge, und seit er einen kleinen Möwe vor einiger Zeit das Fliegen beigebracht und ihr so das Leben gerettet hatte, war er unter seinesgleichen zu einer wahren Berühmtheit geworden. 

Kasimir konnte wie kein zweiter mit seinem Pinsel die wunderschönsten Farben in den Sonnenuntergang tupfen, und er war ein wahrer Virtuose, was das Herrichten von in Mitleidenschaft gezogenen Sandburgen anging. Aber Kasimir konnte einfach nicht backen. So sehr er sich auch bemühte, sich an die Rezepte von Großmama Violetta zu halten, sie waren immer etwas zu knusprig, zu salzig oder zu verbrannt. 

AMANDA, DIE MUSCHELSCHILDKRÖTE, die nur eine Düne weiter wohnte, hatte sein Gebäck sogar schon mit Sand verglichen, als ihm eine Ladung Kekse besonders trocken geraten war. "Ach du liebeff biffchen, da ifft ja ein Maul voll Wüfftenfand fmackhaffter" hatte sie gesagt - naja, genuschelt, weil ihr immer noch die Kekskrümel im kleinen Mäulchen umherknirschten. Kasimir hatte daraufhin wütend und enttäuscht das Blech mit den Plätzchen auf den Boden geworfen, mit seinem kleinen blauen Stiefel aufgestampft und war aus der Küche gepoltert. 

Nun saß er schniefend auf dem Gipfel der Düne und blickte traurig über die weite See. Als ein leises "flapp flapp flapp" ertönte, wusste er, dass seine Möwenfreundin Lapislazuli Leopolda die Erste hinter ihm gelandet war. 

"Ich sehe da einen trübsalblasenden Tintenbläuling auf einer Düne sitzen, dem das aber so gar nicht ähnlich sieht," sagte sie jetzt mit sanfter Stimme. "Was mag da wohl los sein?"
"Der trübsalblasende Tintenbläuling kriegt einfach nichts gebacken - im wahrsten Sinne des Wortes," erwiderte er dumpf. "Nanu," sagte sie und zupfte an seinem Mützchen, an dem etwas Zucker klebte, "wolltest du Plätzchen machen?" 

"Ja, wollte ich. Aber alles, was ich in den Ofen schiebe, schmeckt einfach scheußlich! Und dabei mache ich es ganz genau so, wie Großmama Violetta es aufgeschrieben hat! Auf das Sandkorn habe ich alles abgewogen!" Er holte einen kleinen Zettel aus der Tasche, der so eng beschrieben war, dass Lapislazuli ihn nur mit einem Monokel lesen konnte, und las vor:

"Hier steht's: 50 Sandgramm Muschelmehl, eine Prise Meersalz, eine Messerspitze Krabbenkraut, ein Achtel Wachtelei, 20 Millimeer feinstes Seetangöl, 10 Sandgramm Zuckeralge, einen kräftigen Schuss Muschelperlenschnaps, und zum Schluss ein halbes Teelöffelchen Treibsand, damit der Teig auch aufgeht. Alles in einer großen Schüssel vermengen, den Teig auf einer glatten Fläche algendick ausrollen, in dünne Streifen schneiden und dann alles für 12 Minuten bei 150 Grad Nord-Nordwest im Ofen backen!" Er holte etwas aus der Hosentasche, das wie eine Handvoll Sand aussah. "Und dabei ist bloß so blöder Sandteig rausgekommen. Nicht mal Wello, mein Haus-Seesternchen, wollte das essen, und der isst sonst wirklich alles, " sagte er traurig. 

LAPISLAZULI LEGTE DEN KOPF SCHRÄG UND BEÄUGTE DEN TEIG SKEPTISCH:  "Und was hätte das da werden sollen?"
"Seetangparfaits," kam es verschämt als Antwort. "Hmmmm..." machte Lapislazuli, und blieb eine Weile still, um nachzudenken. Dann fragte sie: "Hast du es schon mal ohne Rezept versucht?"
Kasimir machte riesengroße blaue Augen. "WAS? So ganz ohne Rezept? Aber es klappt doch schon mit Rezept nicht! Am Ende brennt mir noch der Ofen ab, oder die Plätzchen werden lebendig und klettern von ganz alleine vom Blech!"

Lapislazuli lachte aus voller Kehle: "Dann wären es zumindest echte Lebkuchen!" Kasimir knuffte sie in den Flügel. "Schon gut," kiekste sie immer noch lachend. Dann fragte sie ihn nachdenklich: "Kasimir, sag mal, wie malst du normalerweise eigentlich deine Sonnenuntergänge?" Das brachte ihr einen verblüfften Blick ein. "Ääh...naja, einfach so."

"Ohne Anleitung?"
"Na klar!"
"Und deine Farben? Mischt du die nach Gefühl, oder penibel nach Lehrbuch?"
"Pfff, das olle Lehrbuch. Was da drin steht, bringt dir doch nur so ein langweiliges Orange und ein bisschen Rosa. Man muss schon ein bisschen rumprobieren und experimentieren, dann kriegt man Dunkelglutgold und Blasswasserblau, und Himmelzartrosa und Pflaumenviolett und -" er hielt inne. Seine Augen wurden noch ein bisschen größer. Lapislazuli grinste ihn an. "Du meinst, ich soll mich gar nicht so sehr an das Rezept halten?"

"Genau," sagt Lapislazuli. "Bei dir kommen die besten Sachen heraus, wenn du nach Gefühl malst und dich nicht an irgendwelche Regeln hältst. Großmama Violetta in allen Ehren, aber leg doch ihr Seetangparfaits-Rezept mal beiseite und probier einfach was anderes aus. Mach es wie mit deinen Farben und hör auf deinen Bauch!"

VOLLER EIFER SPRANG ER AUF und war schon halb über die Düne geflitzt, bevor er sich nochmal umdrehte und rief "Danke Lapislazuli! Der Ofen kann was erleben!" Und schon war er in seiner Düne verschwunden. Keine zehn Sekunden später hörte man Töpfe klappern und ab und an tönten Kasimirs "AHAs" und "HEUREKAs" durch den Schornstein. Lapislazuli wartete derweil geduldig auf dem Dünendach, bis es fast Zeit für die Sonnenuntergangszeremonie war. 

Dann kam ein mit Muschelmehl bekleckerte Kasimir mit einem Tablett voller kleinen, blassrosa schimmernden Kugeln angelaufen. "Lapislazuli, "brüllte er, "ich hab's, ich hab's, ich hab's! Guck mal!" Er hielt ihr das Tablett hin, und sie schnappte sich eine der kleinen rosa Kugeln weg und probierte gespannt. 

"Kasimir! Das schmeckt ja wundervoll! Was ist das?!" wollte sie begeistert wissen. Er strahlte unter dem ganzen Mehl wie eine kleine blaue Christbaumkugel. "Perlmuttperlen mit Marzipan und Mitternachtszimt. Ich hab's gemacht wie du gesagt hast und einfach drauflos gebacken!" Er umarmte ganz fest den Schnabel der kleinen Möwe. "Ohne dich hätte ich das nie geschafft!"

LAPISLAZULI LÄCHELTE NUR und kuschelte sich dicht an den kleinen Dünenzwerg heran. "Manchmal muss man Dinge einfach so machen wie man will, anstatt so, wie sie gemacht werden sollen." Er nickte, während sie den diensthabenden Dünenzwergen beim Sonnenuntergangmalen zusahen. "Ja, das glaube ich auch."

Und auch heute noch werden zur Weihnachtszeit bei den Dünenzwergen Kasimirs Perlmuttperlen gebacken und seine Geschichte am Kamin erzählt, denn nichts hat man dort lieber als Mutmach-Geschichten und Freude am Herumprobieren.

 


1 Kommentar


  • Waltraud Ahlers

    Was für eine süße Geschichte. Sie kann allen Mut machen, denen mal etwas nicht gelingt.
    Die Geschichte ist herrlich anschaulich, ich hatte beim Lesen “Kopfkino”. Sehr fantasievoll geschrieben. Toll!!!


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